Türkei begeht ersten Jahrestag von Putschversuch

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Türkei begeht ersten Jahrestag von Putschversuch

"Ich glaube, dass er den Tod von 250 Menschen in Kauf genommen hat, um seine Macht zu sichern", erklärte Karakoyun in einem Interview mit der Presse (Samstagsausgabe). Rund 50.000 Menschen wurden bislang aus dem Staatsdienst entlassen oder suspendiert.

Der türkische Präsident nützt auch den Jahrestag zur Demonstration seiner Herrschaft. Höhepunkt ist eine Ansprache Erdogans im Parlament am frühen Sonntagmorgen um exakt 02.32 Uhr - jenem Moment, als die Putschisten vor einem Jahr die Volksvertretung bombardierten. Dagegen rechtfertigt Ankara die Maßnahmen damit, dass die einst mit Erdogan verbündete Gülen-Bewegung völlig zerschlagen werden müsse. Am Mittag kommen die Abgeordneten im Parlament zu einer Sondersitzung zusammen. Der Täter ist ein 22 Jahre alter türkischer Polizist, er wird erschossen.

Gülen meldete sich aus dem Exil in den USA.

Am Wochenende sollen außerdem wieder "Demokratiewachen" stattfinden, bei denen Bürger vor einem Jahr öffentliche Plätze besetzten, um sie Putschisten zu verwehren. Zur tiefen Sorge, Erdogan wandele sich immer mehr zum Autokraten, die in Berlin, Brüssel und Paris vorherrschten, hatte er selbst beigetragen: Schon am Morgen nach den Angriffen des Militärs bezeichnete er den gescheiterten Aufstand als "Segen Gottes". Es soll sich um Anhänger des Exilpredigers Fethullah Gülen handeln.

Istanbul. Die türkische Polizei hat den prominenten Regisseur Ali Avci festgenommen, der einen Spielfilm über den Putschversuch in der Türkei gedreht hat. Bei der Polizei, die nach Darstellung der Regierung besonders von der Gülen-Bewegung infiltriert worden sein soll, gab es 8800 Festnahmen. Sie beginnen eine verlustreiche Offensive gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS), bekämpfen aber auch kurdische Milizen, die der PKK nahestehen. Er will um jeden Preis eine autonome syrische Kurdenregion verhindern - aus Angst, die in der Türkei lebenden Kurden könnten sich dann ebenfalls abspalten. Der Anschlag liefert Erdogan einen abermaligen Vorwand, um noch rigoroser gegen die Kurden im eigenen Land vorzugehen und weitere Repressalien gegen die PKK zu verhängen. Zu der Tat bekennt sich die TAK, eine Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Er forderte eine unabhängige internationale Untersuchung des gescheiterten Militärputsches vom 15. Juli 2016, bei dem 249 Menschen getötet wurden.

Auch mit einst engen Partnern wie Deutschland häufen sich die Probleme: Neben der allgemeinen Sorge um die Demokratie in der Türkei belastet vor allem die Inhaftierung der Journalisten Deniz Yücel und Mesale Tolu die Beziehungen. Bis sie wenige Tage später in der Zeitung "Hürriyet" einen Artikel unter der Überschrift "Unruhe im Militärhauptquartier" veröffentlichte.

Es knirscht gehörig, aber einen offenen Bruch versuchen beide Seiten zu vermeiden, denn man braucht einander - aus deutscher Sicht vor allem im Flüchtlingsdeal, aus türkischer Perspektive aus wirtschaftlichen Gründen. Der Geistliche lebt seit 1999 in den USA.